Willkommen in meiner verrückten Welt - Betreten auf eigene Gefahr
Heute ist mal wieder einer dieser Tage. Ich sitze Zuhause auf meiner Couch, schau Fernsehen, lese Zeitung und weil ich von den letzten Tagen Wahlkampf und der „Freiheit statt Angst“-Demo in Berlin echt kaputt bin, schlafe ich verhältnismässig viel. Morgens ist noch alles gut. Draußen ist es ruhig, die Geschäfte, Banken und Behörden haben geschlossen, das Telefon klingelt kaum, die Post kommt heute nicht und die Wahrscheinlichkeit, dass es unangekündigt klingelt ist auch gering.
Es gibt also nichts zu befürchten: Keine Rechnungen, Mahnungen, Absagen auf Bewerbungen oder Sonstiges, das derzeit wahrscheinlich schon zu Hauf in meinem Briefkasten liegt. Kein Gerichtsvollzieher der klingelt, keine Postbotin die mich wiederholt dazu auffordert meinen Briefkasten zu lehren. Nichts das mich direkt mit meiner Situation konfrontiert.
Ich schaue mir Fotos vom Wochenende an, wie wir mit ca. 20.000 Menschen für unsere Grundrechte auf die Straße gegangen sind. Fühle noch die vielen Gänsehautmomente! Es war meine erste Großdemo. Das erste Mal, dass ich mit so vielen Menschen für ein und die selbe Sache gekämpft habe. Die Sonne schien, die Berliner Luft wehte uns um die Nasen, ReLOVEution lag in der Luft!
Es war ein unglaublich tolles Wochenende!
Doch nun bin ich wieder Zuhause und der Sonntag neigt sich langsam dem Ende zu. Langsam kommen wieder diese Bauchschmerzen, dieses Unwohlsein, die Angst vor dem, was am nächsten Tag passiert.
Ich mache derzeit Politik, mit vollem Herzen und aus vollster Überzeugung! Teilweise Tag und Nacht, weil ich in dieser Gesellschaft etwas verändern will. Ich will unseren Kindern keinen schlüsselfertigen Überwachungsstaat übergeben; Ich will nicht, dass Menschen in einem der reichsten Länder der Welt unter Armut leiden; Ich will nicht, dass Menschen gezwungen werden, sich vor Ämtern „auszuziehen“ wenn sie in Notlagen geraten sind; Ich will nicht, dass Menschen sich verschulden müssen, wenn sie nicht den finanziellen Background haben und studieren oder sich weiterbilden möchten; Ich will nicht, dass Menschen wegen ihrer Herkunft, ihren finanziellen Möglichkeiten, ihrer Individualität oder ihres familiären Umfeldes in Schubladen gesteckt und diskriminiert werden; Ich will nicht weiter durch unsinnige, nicht sachlich begründete und rechtswidrige Gesetze kontrolliert und erzogen werden.
Aus all diesen Gründen mache ich das mit der Politik und bin Piratin. Ich steh fast täglich mit tollen Menschen auf der Straße und informiere die Menschen, arbeite Anfragen ab, organisiere und koordiniere innerhalb der Partei, kümmer mich mit um die Werbemittel im Münsterland, versuche diese wichtigen Themen und die Inhalte der Piraten in die Presse zu kriegen, unterstütze die Aktiven nach meinen Möglichkeiten, vertrete unsere Positionen auf dem Podium und halte Vorträge für alle Interessierten.
Doch dann klingelt zwischendurch das Telefon und es folgt wieder eine Absage, weil ich politisch aktiv bin oder scheinbar in der falschen Partei bin, in der falschen Straße wohne oder nur Erfahrungen, aber keine Scheine vorweisen kann. Damit verbunden kommen wieder die Gedanken hoch. Die Gedanken an das gepfändete Konto, die nicht bezahlte Miete, Strom, Telefon usw., der Blick ins Portemonnaie und die Rechnerei im Kopf für wie viele Tage das Geld wohl noch reicht. Die Angst davor, wieder zum Jobcenter gehen und um Geld betteln zu müssen, sich für all sein Handeln, Kontobewegungen und ehrenamtliches Engagement rechtfertigen zu müssen. Seine Existenz in die Hände einer Sachbearbeiterin legen zu müssen, die ausser den harten Fakten nichts über einen weis.
Und ein weiterer Teil in mir bricht und das seit Jahren, täglich...
So wie mir, geht es tausenden von Menschen. Sie brechen Stück für Stück, Tag für Tag. Handeln irgendwann nur noch wie es ihnen aufgedrückt wird, um ihre Existenz zu sichern und nicht ins totale soziale Abseits zu geraten. Doch ein glückliches, erfülltes und individuelles Leben, wird so nur wenigen Privilegierten (welcher Art auch immer) ermöglicht. Es muss sich was ändern und deswegen kämpfe ich weiter. Mache weiter Politik und will aktiv verändern. Nicht um reich und berühmt zu werden, sondern um unser aller Menschenrechte zu schützen. Und dann denke ich wieder an die vielen tollen Piraten, die auch täglich vom Leben gefickt werden, sich trotzdem nicht unterkriegen lassen und sich weiter Tag für Tag den Arsch aufreißen, ehrenamtlich, aus Überzeugung!
Und es gibt mir Kraft und Hoffnung, dass die Welt auch anders sein kann und nimmt mir ein wenig die Angst vor dem morgigen Montag!
Gute Nacht zusammen!
Viva la ReLOVEution! (in Gedanken an die wundervolle @tikkaschu <3)