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Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Heute denke ich besonders an meine erste Begegnung mit einer Auschwitz-Überlebenden. Ich war damals 13 und im Rahmen eines Schüleraustausches in Polen. Wir besuchten u.a. zwei Tage die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Ich kann mich leider nicht mehr an ihren Namen erinnern, aber an ihre Erzählungen:

"Sie erzählte uns, wie sie erst in Theresienstadt war und von dort aus dann in einem Viehtransporter mit hunderten anderen Menschen abtransportiert wurde. Sie war ein Kind hatte Angst und wusste nicht wo es hingeht. Die einzige Bezugsperson, die sie noch hatte, war ihre Tante. Tagelang ging die Fahrt. Ohne Essen und Trinken. Sie war so klein, dass sie gar nicht sehen konnte, ob es nun Tag oder Nacht war und somit auch gar nicht mehr wusste, wie lang sie eigentlich unterwegs waren. Es war dunkel und stickig und immer wieder kippten Menschen um und waren tot.

Irgendwann blieb ihr nichts anderes mehr übrig als auf die Leichen zu steigen, um irgendwie an die schmalen Fenster zu kommen, nicht zu ersticken und vielleicht ein paar Regentropfen abzubekommen. Einfach irgendwie überleben.

In Auschwitz angekommen war die erste Selektion. Sie war froh, bei ihrer Tante bleiben zu können, auch wenn sie nicht wusste was sie erwarten wird. Sie wurden danach in eine Halle getrieben mussten sich komplett ausziehen, ihre Haare wurden abgeschnitten und sie bekam eine Nummer in den Arm tätowiert."

Als sie uns das erzählte, zeigte sie uns die Tätowierung auf ihrem Unterarm. Außer leisem Weinen herrschte absolute Stille in dem Seminarraum nahe der Gedenkstätte. Noch heute schießen mir Tränen in die Augen, wenn ich daran denke.

"Danach ging es unter die Duschen. Viele Frauen schrien angsterfüllt um ihr Leben, doch sie verstand nicht warum.

Als Wasser von der Decke kam wechselte die Stimmung in tiefe Erleichterung. Sie freute sich in dem Moment einfach nur endlich etwas trinken zu können.

Danach wurde ihnen ein unsortierter Haufen Klamotten von bereits ermorderteten Jüdinnen und Juden vor die Füße geschmissen. Sie sollten sich anziehen. Da sah sie ein schickes rotes Abendkleid. So eins hatte sie sich schon immer gewünscht. Sie nahm es, zog es an obwohl es viel zu groß war und fühlte sich zwischen dem unendlichen Leid, Schmerz und Angst, in der sie sich befand, einen Moment lang wie eine kleine Prinzessin.

Dieses viel zu große rote Kleid war das letzte Fünkchen Würde, was ihr im KZ noch blieb. Bis zur Befreiung 1945 durch die Rote Armee."

Ich schreibe diesen kleinen Ausschnitt ihrer Lebensgeschichte, weil ich selbst merke, wie meine Erinnerungen an diese Begegnung Jahr für Jahr verblassen. Doch das dürfen sie nicht! Niemals!

Es darf niemals ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden. Wir dürfen niemals vergessen zu welchen Gräueltaten Menschen in der Lage sind.

Das darf sich niemals mehr wiederholen!

Gegen das Vergessen!